SPIEGEL-Gespräch mit Ministerpräsident Erdogan

Die Irrwege der türkischen Außenpolitik

Ein Volk auf der Schlachtbank

Hört auf, den Völkermord an den Armeniern zu leugnen

Bosporus in Brandenburg?

Potsdam - und der türkische Genozid an den Armeniern

"Von Völkermord kann keine Rede sein"

Der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan, 56, über Ankaras Verhältnis zur EU, die Debatte um den Genozid an den Armeniern und seine Vermittlerrolle im Streit über Irans Atompolitik

DER SPIEGEL - 29.03.2010

SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, Ihr Land bietet derzeit ein verwirrendes Bild. Es ist moderner und offener als vor Ihrem Amtsantritt, und es ist gleichzeitig frommer und islamischer. Wohin führen Sie die Türkei: nach Westen, nach Europa oder nach Osten?

Erdogan: Die Türkei hat sich in den vergangenen siebeneinhalb Jahren stark verändert und modernisiert. Wir nehmen, anders als die vorangegangenen Regierungen, den Republikgründer Atatürk beim Wort und versuchen, das Land auf den Stand der zeitgenössischen Zivilisation zu bringen. Dabei schauen wir in alle Himmelsrichtungen - wir wenden uns also nicht vom Osten ab, wenn wir nach Westen schauen. Wir sehen das als einen Prozess der Normalisierung.

SPIEGEL: Das Erste, was ein Besucher nach der Passkontrolle am Flughafen in Istanbul sieht, ist die riesige Alkoholabteilung eines Duty-free-Shops und ein Plakat, das für eine Ausstellung der freizügigen Arbeiten des späten Picasso wirbt. In der Mittelmeerstadt Alanya dagegen gibt es Hotels, an deren Stränden Männer und Frauen heute getrennt baden - was vor Jahren undenkbar war.

Erdogan: Was Sie bei Ihrer Ankunft am Flughafen gesehen haben, ist ein schöner Ausdruck von Freiheit. Was Sie aus Alanya erzählen, höre ich zum ersten Mal. Doch wenn es stimmt, dann ist auch das ein Beispiel von Freiheit. Der Besitzer eines solchen Hotels und seine Gäste nehmen ein Recht wahr, das wir respektieren müssen.

SPIEGEL: Diese Woche empfangen Sie Bundeskanzlerin Angela Merkel, die nicht möchte, dass die Türkei auf absehbare Zeit der Europäischen Union beitritt. Was werden Sie ihr sagen?

Erdogan: Die Türkei hat 1959 ihren Antrag auf assoziierte Mitgliedschaft in der EWG gestellt. Das ist 51 Jahre her. Keinem anderen Land ist eine solche Prozedur zugemutet worden. Trotzdem waren wir geduldig. Heute aber sind wir kein Land mehr, das eine Mitgliedschaft in der EU nur anstrebt - wir verhandeln bereits um diese Vollmitgliedschaft. Wenn uns heute Vorschläge gemacht werden, die vom verabredeten Rahmen dieser Verhandlungen abweichen

SPIEGEL: Sie meinen die "privilegierte Partnerschaft", die Frau Merkel einer Vollmitgliedschaft der Türkei vorzieht.

Erdogan: dann ist das genauso abwegig, als wenn Sie mitten in einem Fußballspiel die Elfmeterregeln ändern würden.

SPIEGEL: Ihre Regierung versucht, die Türkei als eine neue Regionalmacht aufzubauen. Wozu brauchen Sie Europa überhaupt noch?

Erdogan: Es geht nicht darum, was wir brauchen, es geht um ein gegenseitiges Bedürfnis. Die Türkei ist keine Last für Europa, im Gegenteil: Sie nimmt der EU eine Last ab. Zusammen mit Spanien führen wir die Uno-Initiative "Allianz der Zivilisationen" gegen den Extremismus, davon profitiert Europa. Wir sind seit 1996 Mitglied der Zollunion, wir erfüllen die politischen Kriterien, die in Kopenhagen festgelegt wurden - ja, wir sind sogar näher daran, die ökonomischen Maastricht-Kriterien zu erfüllen als manche EU-Mitgliedstaaten. Ganz zu schweigen davon, dass wir Gründungsmitglied der OECD und seit 1952 in der Nato sind. Das macht uns zu einer Brücke zwischen dem Westen und 1,4 Milliarden Muslimen.

SPIEGEL: Die Türkei ist sehr selbstbewusst geworden - und Sie gelten als der einflussreichste Politiker, den das Land seit Atatürk hatte. Sehen Sie sich in der Rolle eines "Sultans", wie manche Anhänger aber auch Kritiker Sie bezeichnen?

Erdogan: Ich bin der Vorsitzende einer Volkspartei - und würde mich deshalb nie mit Atatürk vergleichen, jenem Mann, der die Republik gegründet hat. Ich habe keine Absicht, ein Padischah, ein Sultan, zu werden. Es reicht mir, wenn die Leute gut über mich sprechen.

SPIEGEL: Warum erkennt die moderne Türkei den Völkermord des Osmanischen Reichs an den Armeniern nicht an? Der Auswärtige Ausschuss des US-Repräsentantenhauses hat eine Resolution zu diesem Genozid gebilligt

Erdogan: Wenn ein Journalist das Wort Völkermord verwendet, dann sollte er vorher genau hinsehen. Von einem Völkermord an den Armeniern kann keine Rede sein, Völkermord ist ein juristischer Begriff. Ich habe 2005 dem damaligen Präsidenten Armeniens, Robert Kotscharjan, einen Brief geschrieben und ihm darin mitgeteilt, dass dies keine Angelegenheit für uns Politiker ist - sie muss von Historikern erforscht werden. In türkischen Archiven gibt es dazu Millionen Dokumente, mehr als eine Million davon wurden seither durchgesehen. Wenn es in Ihrem Land Archive gibt, schrieb ich Kotscharjan, dann machen Sie die zugänglich. Und wenn Historiker nicht ausreichen, dieses Thema zu klären, dann lasst uns Juristen daran beteiligen, Politikwissenschaftler, Archäologen.

SPIEGEL: Historikerkommissionen seien ein ideales Mittel, solch einen Streit endlos zu vertagen, sagen die Armenier. Und dass Politiker nicht von Völkermord sprechen sollen, sehen wir anders. Einer, der dieses Wort verwendet hat, ist der heutige amerikanische Präsident.

Erdogan: Wenn er dieses Wort benutzt hat, dann war das auch von ihm ein Fehler. Ein Wort wird nicht dadurch richtiger, dass es ein Präsident verwendet. Im Übrigen sind die USA in dieser Angelegenheit keine Partei. Amerika sitzt, wie die anderen Länder, in dieser Sache nur auf der Tribüne. Beteiligt sind nur wir und Armenien. Das ist unsere Geschichte. 1915 war die Türkische Republik noch nicht gegründet, es war die Zeit des Osmanischen Reichs, das damals mit Deutschland verbündet war.

SPIEGEL: Ist die Republik nicht der rechtliche Nachfolger des Osmanischen Reichs?

Erdogan: Die Türkei wurde zweifellos auf den Überresten des Osmanischen Reichs gegründet. Kein Volk kann seine Herkunft verleugnen; wer seine Herkunft verleugnet, versündigt sich. Wenn nach der historischen Aufarbeitung etwas Ernsthaftes ans Licht kommt, sind wir bereit, uns unserer Geschichte zu stellen. Aber es ist wichtig, dass auch die Armenier bereit sind, sich ihrer Geschichte zu stellen.

SPIEGEL: Welcher Geschichte sollen sich die Armenier in dieser Sache stellen?

Erdogan: Es handelte sich nicht um massenhaften Mord der einen an der anderen Seite, sondern um eine Schlacht. Dabei sind Türken gestorben ebenso wie Armenier, die treue Bürger des Osmanischen Reichs waren. Einige von ihnen wurden später aber vom Ausland gesteuert und erhoben sich zu einem Aufstand. Das muss man sehr genau untersuchen.

SPIEGEL: Warum haben Sie diese schwierige Debatte jetzt zusätzlich angeheizt und von einer möglichen Ausweisung aller illegal in der Türkei arbeitenden Armenier gesprochen?

Erdogan: Es stimmt mich traurig, dass Sie das so sehen. Ich habe davon gesprochen, was wir machen könnten. Wir haben jahrelang Armenier ohne Aufenthaltsgenehmigung geduldet. Dies müsse nicht immer so sein - mehr habe ich nicht gesagt. In aller Welt wird offen über das Problem illegaler Arbeiter diskutiert - wenn aber die Türkei eine solche Erklärung abgibt, fühlt man sich gestört. Warum?

SPIEGEL: Warum bestrafen Sie Armenier in der Türkei für Genozid-Resolutionen, die im Ausland verabschiedet werden - in den USA und zuletzt in Schweden?

Erdogan: Wer sagt denn, dass wir die Armenier dafür verantwortlich machen? Ich habe das nie behauptet. Vor einem Jahr haben wir einen Annäherungsprozess zwischen der Türkei und Armenien begonnen. Wir wollen unsere Beziehungen normalisieren. Und da fasst der Auswärtige Ausschuss im US-Kongress plötzlich auf Befehl der armenischen Diaspora einen Beschluss, der die Ereignisse von 1915 als Genozid bezeichnet. Das hilft niemandem. Wir wenden uns an die armenische Diaspora und jene Länder, die die Diaspora unterstützen: Es gibt in der Türkei Armenier, die Staatsbürger sind, und solche, die illegal in unserem Land leben. Bis heute haben wir die Frage der Ausweisung nicht in Betracht gezogen, aber wenn die Diaspora weiterhin Druck macht, könnten wir uns dazu imstande sehen.

SPIEGEL: Sie wehren sich gegen den Begriff Genozid, benutzen ihn selbst aber vielfach. Israel zum Beispiel werfen Sie einen Genozid im Gaza-Streifen vor. Sudans Staatspräsidenten Umar al-Baschir wiederum verteidigen Sie mit den Worten, ein Muslim könne gar keinen Genozid begehen. Sind Muslime etwa bessere Menschen als Juden oder Christen?

Erdogan: Sie reißen die Wörter völlig aus dem Zusammenhang. In diese Falle tappe ich nicht. Ich habe gesagt, dass man die Ereignisse in Gaza gewissermaßen als Genozid bezeichnen könnte: 1400 Menschen sind dort gestorben, viele durch Phosphormunition, mehr als 5000 Menschen wurden verletzt, 5000 Familien obdachlos.

SPIEGEL: Und im Fall des Sudan?

Erdogan: Da habe ich von einem Prinzip gesprochen. Ich bin Muslim. Aber ich habe meine Religion nie mit anderen Religionen verglichen. Ich habe gesagt, dass ein Muslim einen Völkermord, so wie ihn die Vereinten Nationen definieren, nicht begehen kann. Der Islam ist eine Religion des Friedens. Die Muslime glauben: Wer einen unschuldigen Menschen tötet, der handelt so, als hätte er die gesamte Menschheit getötet.

SPIEGEL: Zurzeit sitzt die Türkei als nicht-ständiges Mitglied im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, außerdem ist sie als jenes Land im Gespräch, über das ein Austausch von in Iran angereichertem Uran erfolgen könnte. Werden Sie Sanktionen gegen Teheran unterstützen? Die IAEA, die Internationale Atomenergiebehörde, hat Zweifel an der friedlichen Natur des Atomprogramms.

Erdogan: Das ist falsch. Die IAEA hat so etwas nicht festgestellt.

SPIEGEL: In ihrem letzten Bericht heißt es ausdrücklich, dass Teheran nicht hinreichend kooperiert hat, um eine nicht friedliche Nutzung auszuschließen.

Erdogan: Das sehe ich anders. Iran hat angeboten, sein angereichertes Uran ins Ausland zu bringen, im Gegenzug haben die Iraner nuklearen Brennstoff verlangt. Die Frage ist nun, wo dieser Tausch stattfinden soll. Der ehemalige IAEA-Direktor Mohamed ElBaradei schlug die Türkei dafür vor. Dem haben die Amerikaner zuerst nicht zugestimmt, dann waren sie einverstanden. Nun warten wir auf eine Antwort Irans. Iran schien diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen, doch dann riss diese Verbindung ab.

SPIEGEL: Wenn sich Iran weigert, werden Sie dann Sanktionen unterstützen?

Erdogan: Wir müssen zuerst versuchen, eine diplomatische Lösung für das Problem zu finden. Schon mehrfach wurden Sanktionen gegen Iran beschlossen, aber was ist das Ergebnis? Gelangen jetzt etwa keine amerikanischen, keine deutschen Waren nach Iran? Auf indirektem Wege schon. Natürlich gibt es Mercedes in Iran. Es gibt Peugeot. Ich spreche gern offen. Ich hasse es, in der Politik Dinge zu verstecken. Was wir hier brauchen, ist: Diplomatie, Diplomatie, Diplomatie. Alles andere bedroht den globalen Frieden und bringt sonst gar nichts. Und haben diejenigen, die Druck ausüben, nicht selbst Atombomben? Die Türkei ist keine Atommacht, aber es gibt in dieser Region ein Land, das Atomwaffen besitzt.

SPIEGEL: Sie meinen Israel.

Erdogan: Iran hat zurzeit jedenfalls keine Atomwaffen. Wir sagen ganz klar: Wir möchten überhaupt keine Atomwaffen in unserer Region.

SPIEGEL: Haben Sie das Präsident Mahmud Ahmadinedschad genau so zu verstehen gegeben?

Erdogan: Selbstverständlich. Ich spreche mit ihm genauso offen, wie ich mit Ihnen rede. In dieser Region möchten wir keine Atomwaffen.

SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das SPIEGEL-Gespräch führten die Redakteure Daniel Steinvorth und Bernhard Zand.



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"Die Irrwege der türkischen Außenpolitik"

Vor den heute beginnenden Beitrittsverhandlungen zwischen Europäischer Union und der Türkei wurde vor allem die Außenpolitik Ankaras diskutiert. Was steckt hinter der oftmals verbissenen Haltung der türkischen Regierung?

DER SPIEGEL 10/2005 - 03. Oktober 2005 - Von Ferda Ataman

Proteste vor der Armenien-Konferenz in Istanbul: Nationalisten empfinden Es ist historisch unbestreitbar, dass es 1915-16 im damaligen Osmanischen Reich systematische Verfolgungen und Vertreibungen von Armeniern gegeben hat, die über eine Million Opfer forderten und die nach den geltenden menschenrechtlichen Kriterien den Tatbestand des Völkermordes erfüllen.

Berlin - Ihre Anzüge wurden von faulen Eiern und Tomaten getroffen, sie wurden beschimpft und mussten sich durch brüllende Protestierende kämpfen. Die Teilnehmer der Armenier-Konferenz am vergangenen Wochenende in Istanbul waren dennoch zufrieden - denn diese Zusammenkunft brach mit einem Tabu. Zum ersten Mal wurde öffentlich über den Völkermord an Armeniern debattiert - bis dahin undenkbar, denn die vor 90 Jahren begangenen Taten an der christlichen Minderheit werden bis heute vom türkischen Staat geleugnet.

Die Konferenz kam gerade noch zur rechten Zeit. Schließlich beginnen am heutigen 3. Oktober die Gespräche über die Beitrittsverhandlungen mit der EU. Und diese stehen und fallen mit den wesentlichen drei Konfliktpunkten der türkischen Politik: dem Völkermord an den Armeniern, dem Umgang mit dem Kurdenkonflikt und mit der Anerkennung des griechischstämmigen Südzyperns.

Wie schwer sich der türkische Staat noch immer tut, zeigte das Hickhack um die Armenenier-Konferenz. Lange Zeit stand nicht fest, ob sie stattfinden durfte. Umso breiter war die Berichterstattung nach der Konferenz. Plötzlich feierten türkische Zeitungen das Ereignis als neue Meinungsfreiheit auf ihren Titelseiten. Zum Teil waren es diesselben Blätter, die Jahre zuvor noch in regelmäßigen Abständen türkischstämmige Politiker im EU-Ausland wegen ihrer Kritik am Umgang mit dem Völkermord attackiert hatten. Nun durfte auch der vielfach in den türkischen Massenblättern gescholtene Cem Özdemir, deutscher Europaabgeordneter der Grünen, in der "Hürriyet" die Konferenz begrüßen: "Sie nimmt den Beitrittsgegnern die Möglichkeit zu behaupten, in der Türkei könne man noch nicht einmal über die 'Armenierfrage' diskutieren."

Um das Wort Genozid und Völkermord zu umgehen, wird in der türkischen Öffentlichkeit nach wie vor von der "Armenierfrage" gesprochen. Die Taten von 1915, begangen im Osmanischen Reich, berühren das Selbstverständnis des später gegründeten türkischen Staates. Vieles aus der Entstehungsgeschichte der Republik, die 1922 aus der Taufe gehoben wurde, erinnert eher an religiöse Mythen.

Schulbücher, Kinderlieder und die kulthafte Verehrung des Staatsgründers Atatürk unterstreichen diese makellose Selbstdarstellung. Ereignisse aus der osmanischen Vorzeit werden nur in bereinigter Form wiedergegeben, der Völkermord an den Armeniern aber schlichtweg nicht erwähnt.

"Das mit den vertriebenen Armeniern steht in keinem türkischen Lehrbuch", sagt die ehemalige Lehrerin Hülya Erdogan, "das haben wir erst in Deutschland erfahren." Warum aber leugnet die Türkei so hartnäckig die Taten von damals? Erdogan erklärt sich das so: "Es ist nicht unsere Art, Fehler einzugestehen." Ein altes türkisches Sprichwort besage: "Auch wenn der Arm bricht, bleibt er im Hemdsärmel" - der Bruch werde versteckt. "Wir können die Bürde der Osmanen nicht ohne Weiteres akzeptieren."

Halil Berktay, Geschichtsprofessor an der Sabanci Universität in Istanbul, bringt das Problem in einem Bericht des türkischen CNBC-Senders auf den Punkt. Bei den EU-Verhandlungen im Dezember 2004, erzählt er, habe ein hoher türkischer Diplomat aus der Delegation von Ministerpräsident Erdogan folgendes von sich gegeben: "Man verlangt von uns, dass wir die Tat eingestehen - und das sofort. Aber wie - nachdem wir es jahrelang bestritten haben?" Genau das sei die Schwierigkeit: eine "psychologische Kurve" zu nehmen, von der bisher noch keiner genau wisse, wie.

Zypern - die verlorene "strategische" Ehre

Die Türkei steht vor wichtigen Änderungen nicht nur ihres politischen Kurses, sondern ihres Selbstbildes. Dazu gehört auch der Konflikt um die Insel Zypern. Vor 31 Jahren marschierte die türkische Armee auf Nordzypern ein. Zum einen, um die türkischsprachige Inselminderheit beim ethnischen Konflikt mit den griechischen Südzyprioten zu unterstützen. Zum anderen erschien eine Ablenkung von der innenpolitischen Lage während der Militärdiktatur in der Türkei notwendig.

Seither ist das Stichwort "Kibris" - Zypern - ein rotes Tuch für türkische Nationalisten und die Daseinsberechtigung des unabhängigen Militärs. Schließlich sehen sich die Generäle in Ankara als Bewahrer des Erbes Atatürks - und schätzen den Wert des Stützpunkts Zypern.

2004 scheiterte der sogenannte "Annan-Plan" der Vereinten Nationen zur Konfliktlösung, weil ihn die griechischstämmige Bevölkerung ablehnte. Im gleichen Jahr wurde Südzypern Mitglied der Europäischen Union - wird jedoch von Ankara bis heute politisch nicht anerkannt.

Mit scharfen Worten wies neuerdings das Außenministerium in Ankara die in Brüssel am 21. September verabschiedete Zypern-Erklärung der EU zurück. Diese verlangt von der Türkei, die Republik Zypern "so schnell wie möglich" anzuerkennen und die Zollunion mit Zypern voll umzusetzen. Regierungschef Erdogan steht in der Zypernfrage unter innenpolitischem Druck. Die Opposition wirft der Regierung vor, sie gebe die "Trumpfkarte Zypern" ohne jegliche Gegenleistung aus der Hand, wenn sie einwillige. Auch Politiker aus der Regierungspartei AKP warnen vor weiteren Zugeständnissen.

Die türkische Regierung gibt den Joker "Anerkennung Zyperns" noch nicht aus der Hand. Laut "Hürriyet" betonte Außenminister Gül Mitte September: "Egal wer auf Nordzypern regiert, das letzte Wort haben immer noch wir."

Kurdenfrage - Konflikt um eine Minderheit "die gar nicht existiert"

Die mithin heikelste Angelegenheit in der türkischen Außen- und Innenpolitik ist die Kurdenfrage. Bis vor kurzem wurde der Kampf im Osten der Türkei geleugnet. Wer das Wort "Kurdenkonflikt" aussprach, konnte dafür ins Gefängnis wandern. In der offiziellen Darstellung war das nur folgerichtig, denn die Türkei hatte sich nach ihrem Verständnis von einem Vielvölkerstaat im Osmanischen Reich zu einer Republik entwickelt - mit dem egalitären Anspruch "alle Türken sind gleich". Weil im Konzept Ankaras keine Minderheiten vorkommen, gibt es folglich auch keine ethnischen Konflikte.

"Dabei gibt es den Konflikt mit der kurdischen Minderheit schon seit 80 Jahren", erklärt Ismail Boyraz vom türkischen Menschrechtsverein IHD in Istanbul. Kurden leben überwiegend im vernachlässigten Osten der Türkei. "Demokratische Bestrebungen kurdischer Politiker werden durch Staatsinterventionen verhindert", so Boyraz. Der Grund dafür sei, dass die Nationalisten und das Militär fürchten, durch Verfassungsreformen in ihrer Rolle geschwächt werden.

Seit 1977 propagiert Ankara zwar das Südostanatolien Projekt, ein regionales Programm im Osten des Landes. Geplant sind neben Staudämmen, Wasserkraftwerken und Bewässerungsanlagen auch Investitionen in die Infrastruktur. Das Vorhaben hat aber einen großen Haken: es erzwingt die Umsiedlung Hunderttausender - überwiegend von Kurden. "Und Arbeitsplätze, die ihnen versprochen wurden, gibt es bisher noch keine," so Boyraz.

Bei dem 32 Milliarden Dollar teuren Südostanatolien-Projekt geht es auch um die Kontrolle des größten Wasserzulaufs in die Nachbarstaaten Irak und Syrien. Wasser ist im Nahen Osten auf lange Sicht sehr wertvoll. Schon der ehemalige Ministerpräsident Turgut Özal sprach die berühmten provokanten Worte "Die anderen Staaten der Region haben Öl - wir haben Wasser."

Bei allen Reformansätzen in jüngster Zeit - noch immer funktioniert in der Türkei das alte Denken. Der jüngste Fall, bei dem die staatliche "Ehre" aus türkischer Sicht wichtiger erscheint als die Beilegung eines Konfliktes, offenbart der Umgang mit Orhan Pamuk. Gegen den Bestsellerautor wird ein Strafprozess wegen "öffentlicher Herabsetzung des Türkentums" geführt. Der diesjährige Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hatte in einem Interview des Schweizer "Tages-Anzeigers" über "30.000 umgebrachte Kurden" und "eine Million toter Armenier" gesprochen. Damit schlug er für die offiziellen Stellen in der Türkei deutlich über die Stränge.

Sein Prozess wurde für den 16. Dezember angesetzt. Ob die "neue Meinungsfreiheit" in der Türkei, die nach der jüngsten Armenier-Konferenz in den Medien gefeiert wurde, auch für ihn gilt, bleibt abzuwarten.



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"Ein Volk auf der Schlachtbank"

Im Frühjahr 1915 begann im Osmanischen Reich der Völkermord an den Armeniern. Das deutsche Kaiserreich deckte das Verbrechen.

DER SPIEGEL 12/2004 - 15.März 2004 - von KAREN ANDRESEN

Es ist historisch unbestreitbar, dass es 1915-16 im damaligen Osmanischen Reich systematische Verfolgungen und Vertreibungen von Armeniern gegeben hat, die über eine Million Opfer forderten und die nach den geltenden menschenrechtlichen Kriterien den Tatbestand des Völkermordes erfüllen.

Die Männer holten sie zuerst. Eines Sommermorgens im Jahre 1915 führten türkische Häscher alle männlichen Bewohner von Adiyaman ab. Ihre Familien sahen sie nie wieder.

Als Nächstes traf die zurückgebliebenen Frauen und Kinder der Bannstrahl der Machthaber in Konstantinopel. Sie wurden aus ihrer Heimatstadt gejagt und wochenlang kreuz und quer durch die glühende Hitze getrieben. 2000 Menschen, ohne Wasser und ohne Brot. Mütter, deren Säuglinge in ihren Armen starben. Junge Mädchen, die sich ängstlich vor Vergewaltigungen zu schützen suchten.

Das Wenige, was die Verbannten am Leibe mitführten, nahmen ihnen schon bald Wegelagerer ab. Wen die Kräfte verließen, der blieb am Straßenrand liegen. über dem Land lag beißender Verwesungsgeruch.

Vergebens hatten die verzweifelten Frauen den Gouverneur in Adiyaman angefleht, sie nicht erst auf lange Todesmärsche zu schicken, sondern gleich zu erschießen. Nicht einmal diese Gnade mochte Konstantinopel seinen armenischen Untertanen gewähren.

Seit Oktober 1914 stand das Osmanische Reich an der Seite Deutschlands und Österreichs im Krieg, und im Schatten der großen Schlachten orchestrierte die Regierung noch ein anderes blutiges Projekt - die Vertreibung und Ermordung der christlichen Armenier.

Es war ein Genozid, der an Grausamkeit wohl nur noch vom Holocaust an den europäischen Juden mehr als zwei Jahrzehnte später überboten wurde. über eine Million Menschen starben qualvoll, und auch diesmal waren die Deutschen nicht ohne Schuld.

Zwar hatte das Kaiserreich den Völkermord nicht initiiert, wie es die Propaganda der Entente behauptete. Aber Berlin deckte ihn. Aus Sorge, den Waffenbruder am Bosporus zu verlieren, aber wohl auch, weil viele im wilhelminischen Deutschland die Abneigung der Türken gegen die Armenier teilten.

"Blutsauger" seien sie, hieß es, und "gewissenlose Krämer", verschlagen und hinterlistig - Stereotype, wie sie die antisemitische Hetze in Deutschland auch gegen Juden benutzte. "Der Armenier ist der schlechteste Kerl von der Welt", schrieb Karl May, der in seinem Leben nie mit Armeniern zusammengetroffen war.

Die Menschen, gegen die sich diese Schmähungen richteten, lebten vor allem im Ostteil des Osmanischen Reiches, an der Grenze zu Persien und zum türkischen Erzfeind Russland, wo es ebenfalls große armenische Siedlungsgebiete gab.

Die Armenier waren besser ausgebildet als ihre türkischen oder kurdischen Nachbarn und deshalb zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor im Vielvölkerstaat aufgestiegen. Schmiede und Schlosser, Maurer und Schneider, Apotheker und Advokaten gehörten überwiegend der christlichen Minderheit an.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts begeisterten sich armenische Intellektuelle zunehmend für nationale Bewegungen - eine Entwicklung, die in Konstantinopel mit Misstrauen registriert wurde. Zumal sich auch die europäischen Mächte und, fataler noch, das am Bosporus verhasste Russland für mehr Eigenständigkeit der armenischen Minderheit stark machten. Schon 1895 begannen antiarmenische Pogrome, bei denen Tausende starben.

Die Lage spitzte sich zu, als 1913 Mitglieder der jungtürkischen Bewegung im Osmanischen Reich die Alleinherrschaft übernahmen. Getrieben von der Angst, ihr ohnehin in Auflösung begriffener Vielvölkerstaat könnte vollständig auseinander brechen, verschrieben sich die neuen Machthaber einem radikalen Nationalismus. Die Türken, so ihre überzeugung, müssten andere ausrotten, um ihrer eigenen Ausrottung zu entgehen.

Die Deportationen begannen in Zeytun, einem Ort im Taurusgebirge, dem Franz Werfel in seinem berühmten Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" ein bewegendes Denkmal gesetzt hat. Im April 1915 verschanzten sich dort in einem Kloster 150 Deserteure. 4000 türkische Soldaten stürmten das Gebäude. Einen Tag später wurden die Bewohner der Stadt, die heute Süleymanli heißt, in die nahe gelegenen Sümpfe oder die Syrische Wüste getrieben.

Bald schleppten sich aus fast allen armenischen Ansiedlungen des Osmanischen Reiches verängstigte Menschen über die staubigen Straßen. Oder sie wurden in überfüllten Bahnwaggons wie Vieh durchs Land transportiert. Wer die Strapazen überlebte, musste in einem der Konzentrationslager in der Wüste ausharren, ohne Dach über dem Kopf. Allenfalls ein paar Erdlöcher boten spärlichen Schutz vor Hitze und Kälte. "Mein Volk", so die Klage eines armenischen Geistlichen, "liegt auf der Schlachtbank."

Der Regierung des deutschen Kaiserreichs blieb das mörderische Treiben ihres türkischen Verbündeten nicht verborgen. Schon am 10. Mai 1915 berichtete der Konsul in Aleppo, Walter Rößler, von einer "Vernichtung der Armenier in ganzen Bezirken". Seine Kollegen aus Erzurum und Adana schlugen ebenfalls Alarm.

Berlin beeindruckte das nicht. Die Regierung in Konstantinopel hatte militärische Gründe für die Vertreibungen vorgeschoben, und die deutsche Regierung hielt sich an diese Version. Die Maßnahmen, so der deutsche Botschafter Hans Freiherr von Wangenheim, bedeuteten zwar eine "große Härte", seien aber "leider nicht zu vermeiden".

Erst als die Kriegsgegner Deutschlands das Kaiserreich für die grausamen Massaker mitverantwortlich machten, entschloss sich Berlin, in Konstantinopel zu protestieren - besorgt allerdings mehr um den eigenen Ruf als um das Leben der Armenier. Er habe die Hohe Pforte, so Botschafter Wangenheim im Juli 1915, "darauf aufmerksam gemacht, dass wir Deportationen der Bevölkerung nur insofern billigen, als sie durch militärische Rücksichten geboten" sind.

Konstantinopel blieb uneinsichtig - und konnte sich dabei auch auf deutsche Militärs berufen, die das Kaiserreich zur Reorganisation der osmanischen Armee an den Bosporus entsandt hatte. Etwa auf Korvettenkapitän Hans Humann, der feststellte: "Die Armenier wurden jetzt mehr oder weniger ausgerottet. Das ist hart, aber nützlich." Oder auf den Offizier Eberhard Wolffskeel, für den die Deportation der Bewohner von Zeytun "eine günstige Gelegenheit" war, endlich "aufzuräumen". Nur Paul Graf Wolff-Metternich, seit dem 15. November 1915 Botschafter in Konstantinopel, mochte nicht stillhalten. Knapp einen Monat nach seinem Amtsantritt schrieb er an Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg, dass gegen die "Armeniergräuel" unbedingt "schärfere Mittel notwendig" seien - etwa die Veröffentlichung eines scharfen Protestes in deutschen Zeitungen.

Bis dahin hatten die Deutschen in der zensierten Presse des Kaiserreichs von den Vorgängen im Osmanischen Reich kaum etwas erfahren. Und auch jetzt lehnte Bethmann Hollweg jede öffentliche Verurteilung des Bündnispartners ab. "Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht", schrieb er unter die Metternich-Vorlage.

Zehn Monate später musste der Botschafter seinen Posten räumen. Die meisten Deutschen konnten auch weiterhin allenfalls in Kirchenblättchen lesen, dass im Osmanischen Reich gerade ein ganzes Volk ausgelöscht wurde.

Adolf Hitler allerdings muss über das Schicksal der Armenier wohl informiert gewesen sein - und hoch erfreut darüber, dass der Genozid nach Kriegsende so schnell in Vergessenheit geraten war. "Wer spricht heute noch vom Völkermord an den Armeniern?", soll der Diktator seine Zuhörer im August 1939 auf dem Obersalzberg spöttisch gefragt haben.

Gut zwei Jahre danach begannen die Massendeportationen in die deutschen Vernichtungslager.

KAREN ANDRESEN



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"Hört auf, den Völkermord an den Armeniern zu leugnen"

Die einzige Bedingung, welche die EU den Türken für eine Aufnahme in die Gemeinschaft stellen sollte, ist die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern. Aber genau dies wird die EU nicht tun.

DER SPIEGEL 17.Dezember 2004 - 15.März 2004 - von Henryk M. Broder

Berlin - Jetzt wird alles gut. Nächstes Jahr werden die Verhandlungen über einen EU-Beitritt der Türkei beginnen, sie werden nicht "ergebnisoffen", sondern "zielorientiert" sein, und dann wird es nur zehn bis zwanzig Jahre dauern, bis die Türken werden sagen können: "Wir sind auch Europäer!"

Alle sind zufrieden, vermutlich auch CDU-Chefin Angela Merkel, die bis zum Schluss wie ein Kerl gegen eine solche Regelung gekämpft und den Türken eine "privilegierte Partnerschaft" angeboten hatte, wohl wissend, dass es diese bereits gibt und dass man auf der Ebene von Staaten nicht das praktizieren kann, was bei Randgruppen möglich ist: eine Art von "Ehe light", mit einem "Vertrag" statt einem Trauschein. Denn Merkel wusste auch, dass sie verlieren würde, und da konnte sie sich risikolos als Verteidigerin von Werten inszenieren, die bei uns immer dann beschworen werden, wenn eine fremde Gefahr abgewehrt werden muss.

Sogar Altbundeskanzler Helmut Kohl, "ein Freund der Türkei" und Schwiegervater einer Türkin, schaltete sich in die Debatte ein und erklärte, er sei immer dafür eingetreten, "die Türkei so nah wie möglich unterhalb der Schwelle der Mitgliedschaft an die EU heranzuführen".

Das klang so, als würde ein Pfarrer Petting im Autokino statt richtigen Sex im Bett empfehlen, um eine kritische "Schwelle" nicht zu überschreiten.

Bisher war uns vieles an der Türkei recht

Was haben wir überhaupt im Laufe der Debatte für irre Argumente gehört. Die Türkei sei "so groß" und "so unterentwickelt" und so "ganz anders" als wir, sie passe nicht zu uns. Abgesehen davon, dass die Verhältnisse in Südanatolien sich nicht allzu sehr von den Verhältnissen in Ostpolen unterscheiden dürften, waren das alles recht späte Einsichten.

Bis jetzt sind wir sehr gerne in die Türkei gefahren - vier Personen, vier Wochen, vierhundert Euro, all inclusive - und haben schamlos das Lohngefälle zu unseren Gunsten ausgenutzt. Umgekehrt waren Türken als Müllmänner, Bauarbeiter und Reservisten auf dem Arbeitsmarkt herzlich willkommen, die man bei Bedarf einberufen und wieder nach Hause schicken konnte.

Auch dass die Türkei innerhalb der Nato die Ostflanke bewachte, war uns sehr recht. Und als in Istanbul Terror-Bomben losgingen, da haben wir Beileidstelegramme geschickt und waren erleichtert, dass die Türken etwas abbekamen, was eigentlich uns gegolten hatte. Wir sind für einen "Wandel durch Dialog" mit den Mullahs in Iran, haben größte Mühe, eine säkulare Ordnung bei uns zu etablieren, wissen aber nicht, ob wir der Türkei trauen können, der einzigen muslimischen Demokratie, die zwar nicht vollkommen ist, aber große Anstrengungen unternimmt, die Voraussetzungen für eine "Europäisierung" zu erfüllen.

Die Türken haben die Todesstrafe und die Folter abgeschafft, es gibt freie Wahlen, eine funktionierende Gewaltenteilung und Eliten, die auf Bildung, Erziehung und Mobilität setzen. Natürlich gibt es auch ein kulturelles Gefälle zwischen den Milieus in den Städten und auf dem Lande, Parallelgesellschaften sozusagen, aber die gibt es in Spanien, Portugal und Griechenland ebenso.

Türken fühlen sich verschaukelt

Die einzige Frage, auf die es ankommt, ist die, ob sich langfristig die Säkularisten in den Städten oder die Traditionalisten auf dem Lande durchsetzen werden. Und da könnte man in der Tat den Säkularisten helfen, aber nicht, indem man ihnen sagt: "Kinder, Ihr seid noch nicht so weit!"

Kein Wunder, dass sich die Türken verschaukelt fühlen und auf schräge Gedanken kommen. Könnte es sein, dass die christlichen Europäer unter sich bleiben wollen, wie früher die feine Gesellschaft, die ihren Dienstboten eine "privilegierte Partnerschaft" im Stall und am Küchentisch anbot?

Könnte es sein, dass der einzige gravierende Fehler, den die Türken nicht beheben können, um den Europäern entgegen zu kommen, der ist, dass sie Muslime sind?

Der Witz dabei ist, dass wir uns mit den Muslimen umso schwerer tun, je liberaler und säkularer sie sind. Die SPD organisiert ein Seminar mit der Hisbollah in Beirut, weil die Genossen gerne wissen möchten, wie die Radikalen ticken. Unser Außenminister legt am Grab des Terroristen Arafat einen Kranz nieder und würdigt dessen historische Rolle. Ein Nobelpreisträger möchte eine Kirche in eine Moschee verwandeln und ein grüner Fundi einen islamischen Feiertag in der Bundesrepublik einführen.

Nur gegenüber der Türkei, die keine Terroristen produziert und im Begriffe ist, einen säkularen Islam zu entwickeln, sind wir kritisch bis misstrauisch: Die meinen es nicht, die tun nur so!

Nein, wir sind es, die es nicht so meinen, wir tun nur so als ob.

Einzige Bedingung: Anerkennung des Genozids

Es gibt allerdings eine Bedingung für den Beitritt der Türkei in die EU, die wir nicht stellen wollen und die in den Debatten so gut wie nie genannt wird: die Anerkennung des türkischen Völkermords an den Armeniern.

Es war der zweite Völkermord des 20. Jahrhunderts, nach den Massakern der Deutschen an den Hereros in Deutsch-Südwest.

Wie viele Armenier bei der ethnischen Säuberung der Türkei von 1894 bis 1923 getötet wurden, weiß man bis heute nicht genau, die Schätzungen reichen von 600.000 bis 1,5 Millionen ermordeten Menschen. Aber nicht auf die Zahl kommt es an, sondern darauf, dass die Türken bis heute behaupten, es habe keinen Völkermord gegeben, die Armenier seien im "Zuge von Kriegshandlungen ums Leben" gekommen, wie der Pressesprecher der türkischen Botschaft behauptet, nachdem sie "mit den Russen und den Franzosen paktiert" hätten. Es habe damals "viele Massaker gegeben", auch an Türken, begangen von Armeniern. Das ist reine Geschichtsklitterung.

Schlimmer noch: Es ist die offizielle Position einer Regierung, die auch von der türkischen Öffentlichkeit übernommen wurde. Türken, die von der amtlichen Linie abweichen, wie der Grünen-EU-Parlamentarier Cem Özdemir, gelten als Nestbeschmutzer und Verräter.

Es habe keinen Massen- und keinen Völkermord gegeben. Alle Berichte über das Massaker vom 24./25. April 1915, bei dem die Führung der Armenier ausgerottet wurde, über die Todesmärsche in die Wüste, bei denen Hunderttausende von Menschen starben, sind Erfindungen und antitürkische Propaganda.

Sogar Franz Werfel, der mit seinem Roman "Die 40 Tage des Musa Dagh" den Armeniern ein Denkmal gesetzt hat, habe später bedauert, dass er auf "falsche Dokumente" reingefallen ist - sagt der Pressesprecher der türkischen Botschaft in Berlin. Und geht davon aus, dass sein Wort über jeden Zweifel erhaben ist.

Deswegen sollte die EU den Türken sagen: "Alles, worüber wir verhandeln, sind technische Details. Es gibt nur eine Forderung, die Ihr vor der Aufnahme der Verhandlungen erfüllen müsst. Hört mit dem Leugnen des Genozids an den Armeniern auf, bittet die Armenier um Vergebung, sagt: "Wir waren es!"

Aber genau das wird die EU nicht machen. Nicht weil sie es vermeiden möchte, die Türken zu kränken, sie in eine peinliche Situation zu bringen, sondern weil ihr ein paar Hunderttausend Armenier, die seit 80 Jahren tot sind, wurscht sind. So wie ihr ein paar Millionen tote Ruander, Sudanesen und Kongolesen wurscht sind. So wie ihr alles wurscht ist, was die gemeinsame Handelsbilanz und die Stabilität des Euro nicht tangiert.

Henryk M. Broder

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"Bosporus in Brandenburg?"

Die märkische Landesregierung versucht, die Türken zu besänftigen: In die Lehrpläne werden - neben dem Genozid an den Armeniern - auch andere Massaker aufgenommen.

DER SPIEGEL - 5/2005 - Von Irina Repke, Sven Röbel und Holger Stark

Der 12. Januar war für Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck ein Tag im Zeichen des Orients. Morgens empfing der Landesvater katholische Sternsinger, die - verkleidet als Caspar, Melchior und Balthasar - um eine milde Gabe baten.

Weitaus weltlicher waren dagegen wenig später die Forderungen einer anderen Delegation aus dem Morgenland. Im Potsdamer "Ristorante Villa von Haacke", zwischen Dorade und märkischem Lammcarré (in Rotweinjus), begehrte Aydin Durusoy, Generalkonsul der Republik Türkei, einen delikaten Hinweis aus dem Lehrplan der Brandenburger Schulen zu streichen: den Völkermord an mehr als einer Million Armeniern im Gebiet des Osmanischen Reiches in den Jahren 1915 und 1916.

Als bislang einziges Bundesland benennen die Brandenburger das Massaker im Rahmenlehrplan für den Geschichtsunterricht der Klassen 9 und 10 - sehr zum Missfallen der türkischen Regierung, die den Genozid bis heute leugnet. Doch dann strich das Bildungsministerium, dessen Ressortchef Holger Rupprecht (parteilos) ebenfalls mit den Türken speiste, den Passus nur Tage nach dem Zusammentreffen ersatzlos - und löste damit eine Debatte über pädagogische Leitkultur in der Mark Brandenburg aus.

"Das Propagandaministerium in Ankara", befürchtete der CDU-Generalsekretär Sven Petke, diktiere den Lehrplan an Potsdamer Schulen. Beginnt der Bosporus also neuerdings in Brandenburg, das gerade 2500 türkische Staatsbürger zählt, mit 295 türkischen Schülern?

Der Brandenburger SPD-Bundestagsabgeordnete Markus Meckel fühlte sich "in erschreckender Weise" an alte DDR-Zeiten erinnert, der Schriftsteller Ralph Giordano wandte sich an den Bundeskanzler. Platzeck selbst streitet den Vorgang nicht ab, spricht aber von einer Frage der "Einsicht, nicht des Einknickens". Ihm war bereits im vergangenen Sommer die pädagogische Erkenntnis gekommen, dass es geopolitisch mehr als nur einen Massenmord gegeben habe; die herausgehobene Nennung der Armenier in Brandenburgs Lehrplänen sei eine "Achillesferse" der Landesregierung gewesen. Er habe, sagt Platzeck, in allen Gesprächen erklärt: "Ich akzeptiere die Kritik an der Singularität." Gleichzeitig habe er aber "deutlich gemacht, dass wir von unserer grundsätzlichen Meinung keine Abstriche machen werden".

Das Problem soll eine neue "Handreichung" für Lehrer lösen, die im Bildungsministerium ausgearbeitet wird und vom kommenden Schuljahr an Unterrichtshilfe bieten soll. Die Armenier-Thematik wird dabei in einen "umfassenderen Kontext" eingebunden. Warum die Ministerialen den alten Lehrplan nur wenige Wochen vor Fertigstellung des neuen schon mal vorab im Internet bereinigten, bleibt das Geheimnis der Landesregierung. Die zeitliche Koinzidenz von Essen und Änderung, das räumt auch der Landesvater ein, sei "in der Tat unglücklich gewesen".

Wie verstockt die Türken auf jeden historischen Halbsatz reagieren, haben bedeutendere Parlamente als das brandenburgische erfahren - aber auch Platzeck selbst. Resolutionen im italienischen Parlament, der französischen Nationalversammlung oder dem Schweizer Nationalrat zum Thema Armenien folgten stets schwere Zerwürfnisse auf Zeit mit der Türkei. Ähnlich erging es auch der Stadt Potsdam, als sie zu Ehren des Theologen und Humanisten Johannes Lepsius eine Gedenkstätte einrichten wollte; der Brandenburger Pfarrer hatte weiland den Massenmord vor Ort dokumentiert, was die Märker besonders stolz auf einen der ihren machte. Zwei Jahre lang wurde Platzeck, der damals als Stadtoberhaupt die Schirmherrschaft übernommen hatte, deshalb mit Morddrohungen traktiert. Daher empfindet er die derzeitigen Proteste als "sehr gesittet" - auch wenn seit Tagen eine Welle von Wutbriefen über die Staatskanzlei hereinbricht, alle mit verdächtig ähnlichem antiarmenischem Tenor.

Der "feige wie servile Akt der Selbstzensur" ("taz") kommt zu einem Zeitpunkt, wo in Ankara ein Hauch von Perestroika eingetreten ist. Seit kurzem ist die reine Erwähnung der historischen Tatsache nicht mehr strafbar, eine türkisch-armenische Kommission aus Wissenschaftlern ist zumindest benannt, die das Unrecht untersuchen soll. Nur die türkischen Vertretungen in der Diaspora bilden offenbar eine Art Außenposten des Revisionismus. Dabei gilt die Anerkennung des ersten großen Genozids des 20. Jahrhunderts, der auch die Nationalsozialisten zum Holocaust mit inspirierte, als eine Voraussetzung für einen EU-Beitritt der Türkei.

Mit ihrer Variante, die nicht weniger, sondern mehr Genozid behandeln soll, sehen sich die Märker, die schon einmal damit scheiterten, den türkischen und den armenischen Botschafter an einen Tisch in Potsdam zu bekommen, erneut als Brückenbauer. Neben dem Massaker an den Armeniern sollen auch die Verbrechen der Roten Khmer in Kambodscha oder der Massenmord an den Hereros im einstigen Kolonialgebiet in Westafrika thematisiert werden. Zumindest im letzteren Fall sind diplomatische Interventionen nicht zu befürchten: Die grausamen Morde begingen deutsche Kolonialtruppen.



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"Potsdam - und der türkische Genozid an den Armeniern"

Die märkische Landesregierung versucht, die Türken zu besänftigen: In die Lehrpläne werden - neben dem Genozid an den Armeniern - auch andere Massaker aufgenommen.

Von Hans-Ulrich Klose

Geschehen ist folgendes: Der frühere Bildungsminister Steffen Reiche hatte im Jahre 2002 in die Lehrpläne für den Geschichtsunterricht in den Schulen Brandenburgs einen Hinweis auf den Völkermord an den Armeniern aufnehmen lassen. Im Rahmen des Themenfeldes "Krieg-Technik-Zivilbevölkerung" sollte in den 9. und 10. Klassen auch über "ethnische Entflechtung, Ausrottung und Völkermord" gesprochen werden, z. B. über "den Genozid an der armenischen Bevölkerung Kleinasiens". Dieser für Deutschland bislang einzigartige Hinweis wurde jetzt von dem neuen Bildungsminister, Holger Rupprecht, rückgängig gemacht; nicht weil es diesen Völkermord nicht gegeben hätte, sondern einzig unter dem Eindruck "diplomatischer Gespräche", die die Landesregierung mit Vertretern der türkischen Botschaft in Berlin und des Generalkonsulats geführt hat.

über den Inhalt dieser Gespräche ist nichts mitgeteilt worden, aber das ist auch nicht nötig; denn alle Welt weiß, daß die Türkei den 1915 angeordneten und durchgeführten Völkermord (den ersten staatlich unterstützten Völkermord des 20. Jahrhunderts) bis zum heutigen Tage leugnet und die rund eine Millionen Tote als Ergebnis von Aufständen und Seuchen sieht.

Der Vorgang muß uns alle nachdenklich machen, er ist bedrückend. Zum einen, weil es nicht Aufgabe der türkischen Regierung sein kann und darf, darüber zu entscheiden, was an deutschen Schulen gelehrt wird. Das Argument, daß viele türkische Kinder auf deutsche Schulen gehen, daß es also häufig "Gesprächsbedarf" gebe, rechtfertigt auf keinen Fall den Versuch, Geschichte aus politischen Gründen durch Verschweigen zu korrigieren.

Zum zweiten zeigt der Vorgang einmal mehr, daß das Geschichtsverständnis der Türkei sich von dem der Europäer grundlegend unterscheidet. Die Europäer haben nach dem 2. Weltkrieg ihre nationale Geschichtsschreibung in bemerkenswerter Weise bilanziert, haben Erfolge und Mißerfolge benannt, Fortschritt und Katastrophen, Schuld und Verantwortlichkeiten und damit die geistige Basis für den Prozeß der europäischen Einheit geschaffen. Nichts dergleichen in der Türkei. Dort kennt die Geschichtsschreibung als Reflex auf den Zusammenbruch des osmanischen Reiches nur noch Erfolge und (jungtürkische) Helden. Ein von diesen Helden zu verantwortender Völkermord kann nicht stattgefunden haben, das türkische Selbstbewußtsein erlaubt das nicht.

Diese Haltung vertreten türkische Politiker und in ihrem Auftrag türkische Diplomaten unisono und rigoros, was u. a. der heutige brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck lernen mußte, als er - damals Oberbürgermeister von Potsdam - das Haus des Pfarrers Johannes Lepsius (1858-1926) zu einer Gedenkstätte ausbauen wollte. Lepsius hatte den Mord an den Armeniern seinerzeit dokumentiert und bekanntgemacht.

Platzeck mußte heftige Proteste von türkischer Seite erleben, die jedoch im Ergebnis wirkungslos blieben - die Gedenkstätte wird eingerichtet. Um so erstaunlicher ist es, daß ausgerechnet die heute von Platzeck geführte Landesregierung von Brandenburg dem türkischen Druck kleinlaut nachgegeben und den Hinweis auf den Genozid an den Armeniern aus den Lehrplänen gestrichen hat.

Bedrückend ist, daß dies in Deutschland geschieht, dem Land, dessen Geschichte auf immer mit der Erinnerung an den einzigartigen Völkermord an den europäischen Juden verbunden ist; und das es jetzt geschieht. In Deutschland bemühen wir uns um eine fortwirkende Gedächtniskultur, weil der Holocaust und die Verantwortung, die daraus für uns Deutsche folgt, in unserem Bewußtsein fest verankert bleiben muß; auch im Bewußtsein der Nachgeborenen, die schuldlos sind und doch mitverantwortlich dafür gemacht werden, daß sich solche Katastrophen nicht wiederholen. Wie soll man aber deutschen Schülern diese Notwendigkeit erklären, wenn sie miterleben, daß ihren türkischen Mitschülern die historische Wahrheit vorenthalten wird? Wie werden türkische Schüler reagieren, wenn in deutschen Schulen, die sie besuchen, über den Holocaust gesprochen wird? Wie sollen sich deutsche Lehrer verhalten, wenn sich daraus Konflikte zwischen deutschen und türkischen Schülern ergeben?

Solche Fragen müssen gerade heute - 60 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz - gestellt werden. Beantworten muß sie nicht nur die brandenburgische Landesregierung. Ausweichen kann ihnen - ungestraft - niemand.



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© HAMBURGER ABENDBLATT - 08/02/2005

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