Türkei / Armenien: der verleugnete Völkermord
- und die Rolle Deutschlands


90 Jahre ist es her, dass die damals gerade entstehende Türkei das Volk der Armenier in die Wüste trieb, um es auszulöschen.


NAVIUS Online Magazin - 2005

90 Jahre ist es her, dass die damals gerade entstehende Türkei das Volk der Armenier in die Wüste trieb, um es auszulöschen. Bis heute streitet die Türkei dieses Verbrechen ab und widerstrebt so jeglicher Aufarbeitung und Anerkennung von Verantwortung. Dabei ist dies für die Versöhnung der beiden Völker, die heute auch wieder Nachbarn sind, elementar. Eine Anerkennung des Genozids durch Deutschland blieb bisher aus.

Von Historikern längst als gesichert angesehen, nahm der Völkermord am 24. April 1915 seinen Anfang. Frauen, Kinder und Männer wurden aus ihren Häusern von türkischen Milizen herausgetrieben. Ihnen blieb keine Zeit etwas mitzunehmen, und das Wenige, was sie am Leibe trugen, mussten sie ohnehin auch noch ablegen. Nackt, wie Vieh, das man zum Schlachthof treibt, wurden sie in langen Todeskarawanen durch das Land getrieben. Hin und her, ohne Wasser, ohne Verpflegung. Ziel war nicht eine Umsiedlung, wie es die Türkei bis heute behauptet, Ziel war die Vernichtung des armenischen Volkes. 1. 500 000 Millionen fanden so, unbarmherzig getrieben und zuletzt bestialisch geschlachtet, den Tod. Und die Welt sah auch schon damals zu.

In der Türkei gab es bereits 1915 ein dichtes Netz von internationalen Beobachtern, insbesondere von deutschen Diplomaten. Sie schrieben sich die Finger wund, versuchten es zu erreichen, dass die deutsche Regierung sich für die christlichen Armenier einsetzt. Doch das Kaiserreich war verfangen im 1. Weltkrieg und hatte nicht das geringste Interesse daran, sich mit der verbündeten Türkei anzulegen. So blieb jede Hilfe aus. Doch es blieben die Schilderungen von Augenzeugen. Von deutschen Diplomaten, und anderen, die ihr Entsetzen nach Hause telegrafierten. Und hinzu kamen die Berichte der überlebenden. Jahr für Jahr wurde die Dokumentation dieses Genozids, dieser ersten Shoah, besser, glaubwürdiger und belegbarer. Heute streitet nur noch die Türkei den Völkermord ab. Wissenschaftlich ist dieser einwandfrei belegt, auch wenn die Türkei anderes behauptet.

Die Motive für diesen Mord lagen nicht im Religiösen. Es war kein Angriff der Muslime auf die Christen, sondern eine politische Tat. Die damals gerade gegründete Türkei behauptete, dass die Armenier den jungen Staat an die Russen verraten wollten. Daher sollten sie, so der offizielle Sprachgebrauch, "umgesiedelt" werden. Was folgte waren "wandernde Konzentrationslager", so nannte es jüdische Dichter Franz Werfel in seinem Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh die armenischen Todeskarawanen.

90 Jahre nach diesem Verbrechen ist es an der Zeit, die Türkei innerhalb der Staatengemeinschaft offen die Anerkennung ihrer Verantwortung zu fordern. Denn es bedarf einer Aufarbeitung und einer Versöhnung. Wobei festzuhalten ist, dass es nicht um einen Schuldvorwurf gehen darf. Die heutige Türkei hat keine Gemeinsamkeiten mehr mit dem jungen Staat, der einst die Morde in auftrag gab. Aber sie trägt, wie auch wir Deutschen, eine besondere Verantwortung, der sie sich bewusst sein muss. Innerhalb der Türkei ist dies umstritten, aber mehr und mehr auch eine Forderung an die Offiziellen.

Innerhalb der Staatengemeinschaft ist die Anerkennung ein Politikum - und ein sehr unrühmliches Blatt deutscher Diplomatie. Denn während wichtige europäische Staaten den Völkermord anerkennen, sträubt sich die deutsche Regierung dies ebenfalls zu machen. Kaum denkbar bei einem grünen Außenminister. Doch man will es sich mit den Türken nicht verderben. Und das die Türkei empfindlich reagiert, wenn ein Staat den Genozid anerkennt, zeigt sich am Beispiel Frankreich: Aufruf zum Kaufboykott, kurzzeitige Einstellung der diplomatischen Beziehungen, Kündigung von Wirtschaftsbeziehungen und Verträgen, Aufruf keine Franzosen im Taxi zu fahren und, und, und. Und dies im Jahre 2000! Da kneift die deutsche Regierung. Ein Grund dafür, dass nun die Opposition einen entsprechenden Antrag im Bundestag stellen wird. Ausdrücklich kein strategischer Zug im Rahmen der Beitrittsdiskussion, denn Namhafte Wissenschaftlicher haben bei der Formulierung für Sachlichkeit gesorgt. Aber ob es zu einer Gedenkstunde am 24. April im Bundestag kommen wird, erscheint eher unwahrscheinlich.

Ein Grund mehr, gerade in diesen Tagen an die Verbrechen zu erinnern. Das Internet ist dafür das ideale Medium. Es bietet vielfältige Möglichkeiten auf den Völkermord hinzuweisen, gegen das Vergessen zu arbeiten und eine Kultur des Erinnerns auch von der Türkei zu fordern. Denn je mehr diese ihre Verantwortung abstreitet, umso lauter kann das Netz gegen diese schreiben.



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