Geschichtlicher Hintergrund

ZUR POLITISCHEN UND WIRTSCHAFTLICHEN LAGE ARMENIENS UND ZU DEN BEZIEHUNGEN ZWISCHEN DER EUROPÄISCHEN UNION UND ARMENIEN

Luxemburg, den 18. Februar 2003

Als strategische Drehscheibe der Handels- und Invasionswege zwischen Europa und Asien wurde Armenien stets aufs Neue zum Schlachtfeld der großen abend- und morgenländischen Großreiche und immer wieder unterworfen, zerstört und geteilt. Einzig das regionale Gleichgewicht der Mächte gewährte eine Ruhepause.
Die Konversion zum Christentum stellte das Schlüsselereignis dar, das die Armenier im Jahr 301 ethisch von ihren zoroastrischen und später muslimischen Nachbarn trennte und sie der griechisch-römische Welt annäherte. Die armenische Kirche ist (zusammen mit den Kopten oder den Syrern) eine jener Ostkirchen, die bereits im ersten Jahrtausend ihre Unabhängigkeit („Autokephalie“) erlangt hatten.

Armenien, das ab dem 14. Jahrhundert zwischen dem osmanischen und persischen Reich aufgeteilt wurde, sah mit dem zaristischen Russland im 19. Jahrhundert einen mächtigen Nachbarn im Norden entstehen, der auf Kosten der beiden obigen Reiche bald ein russisches Armenien gründete.

Nach dem russisch-osmanischen Krieg von 1877/1878 musste der Sultan die von einer armenischen Minderheit besiedelten Gebiete an Russland abtreten. Von diesem Zeitpunkt an empfanden die Osmanen die armenische Frage als Bedrohung für die Ostgrenze des Reiches. Im November 1914 trat das osmanische Reich an der Seite der Mittelmächte als Gegner Frankreichs, Großbritanniens und vor allem Russlands, seinem Erbfeind, in den Krieg ein. Zu Beginn des Jahres 1915, nach Antreten eines ungeordneten Rückzugs, rächten sich die türkischen Truppen an den Armeniern, die als Sündenböcke herhalten mussten. Auf diese Angriffe folgten vom Mai 1915 bis zum Winter 1915/16 Massendeportationen, die zum ersten Völkermord des 20. Jh. führten. Diese tragischen Ereignisse wurden von diversen Institutionen als Völkermord eingestuft. Das Europäische Parlament nahm in seiner Resolution vom 18. Juni 1987 einen entsprechenden Standpunkt ein1, demzufolge die Weigerung der türkischen Regierung, den armenischen Völkermord anzuerkennen, ein Hindernis für den Beitritt der Türkei zur Europäischen Gemeinschaft darstellt. Zwar ist die genaue Anzahl der Opfer (unter Historikern) umstritten, doch wird allgemein anerkannt (auch von den türkischen Historikern), dass sie hoch ist. Die Differenzen zwischen der Türkei und einem Großteil der armenischen und internationalen Meinung beruhen vor allem auf der Frage der Verantwortlichkeit für die Massaker. In Armenien wird die Auffassung vertreten, die osmanische Regierung habe die Vernichtung bewusst herbeigeführt. Die Türkei bringt vor, dass die osmanische Regierung aufgrund des Kriegszustands gezwungen war, die feindlich gesinnten (pro-russischen) Bevölkerungsteile umzusiedeln und dass dieser Kriegszustand daran schuld sei, dass sich das Unternehmen in eine Tragödie verwandelt habe.

Der Völkermord, der die moderne Diaspora begründete und drei Millionen armenische Volksangehörige in Ostanatolien das Leben kostete, verlagerte darüber hinaus das Zentrum Armeniens definitiv östlich des Arax nach Kaukasien.

Für die kaukasischen Armenier brachte der Erste Weltkrieg, der Reiche zum Untergang verurteilte, auch eine Wende. Ebenso wie in Georgien und Aserbaidschan entstand aus der Verkettung der russischen Niederlagen, der Revolutionen von 1917 und dem Zusammenbruch des Zarenreichs eine unabhängige Republik. Am 28. Mai 1918 wurde die Republik Armenien proklamiert. Aufgrund ihrer militärischen Niederlage gegen die Türken mussten die Armenier jedoch im Vertrag von Alexandropol (2. Dezember 1920) auf ihre Gebietsansprüche verzichten. Dieser Vertrag reduzierte Armenien auf sein aktuelles Gebiet: 29.000 km² (flächengleich mit Belgien) semi-arider Hochebenen. Die Forderungen nach Souveränität und Demokratie wurden durch die Sowjetisierung begraben.

1921 war Armenien somit territorial beschnitten und hatte seine Souveränität eingebüßt, blieb jedoch als Staat bestehen2. Zum ersten Mal seit mehr als sechs Jahrhunderten waren die verschiedenen Teile der armenischen Gesellschaft auf demselben Gebiet vereinigt, insbesondere ein Teil der neuen Intelligenzija, die seit 1918 dem Aufbau des armenischen Staates zur Hilfe gekommen war. Die Entwicklung einer modernen nationalen Identität vollzog sich in der Schicksalsgemeinschaft angesichts der Pogrome und des Genozids besonders schnell.

Die Hälfte der Armenier (insgesamt 6,5 Millionen) lebt heute außerhalb Armeniens. Diese „Diaspora“ ist nicht homogen. Die georgischen und aserbaidschanischen Armenier stammen hauptsächlich von der ehemals im Südkaukasus angesiedelten Bevölkerung ab. Daneben existieren die Nachfahren der Exilbevölkerungsgruppen, die sich innerhalb der Reiche, denen die Armenier angehörten, gebildet hatten. Hierbei handelt es sich um die Armenier der Türkei (größtenteils in Istanbul), Syriens und des Libanons, die einst dem osmanischen Reich angehörten, des Irans, einst Angehörige des persischen Reichs, Russlands, der Ukraine und Zentralasiens (Zarenreich, später UdSSR). Die große Diaspora (1,6 Millionen Personen), die aus den Tragödien zu Beginn des 20. Jh. hervorgegangen ist, verteilt sich auf Europa (knapp 400.000 Personen) und Amerika (1.200.000)3.

Das im Frühjahr 1988 gegründete Karabach-Komitee avancierte rasch zum Sprachrohr für die Ablehnung des Systems und für Demokratie- Freiheits- und nationale Souveränitätsbestrebungen. Die im Juni 1989 legitimierte, aus dem Komitee hervorgegangene Armenische Nationale Volksbewegung (ANV) gewann im Sommer 1990 die ersten Parlamentswahlen mit einem Programm zur Heranführung an die Unabhängigkeit über den konstitutionellen Weg, ohne eklatanten Bruch mit Moskau. Am 21. September 1991 sprachen sich die Armenier in einer Volksabstimmung für die Unabhängigkeit aus (99 % Ja-Stimmen bei 95 % Wahlbeteiligung), bevor sie ihren ersten Präsidenten, Levon Ter-Petrosjan (16. Oktober 1991, 84 % der Stimmen) in allgemeinen Wahlen wählten.



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